"Start-Up-Shows zeigen nur einen Ausschnitt"

Elisabeth Zehetner-Piewald, Chefin des Gründerservice, über die Attraktivität der Selbstständigkeit.

Recent Posts

Elisabeth Zehetner-Piewald, Chefin des Gründerservice, über die Attraktivität der Selbstständigkeit.

Genau 28.490 Gründungen gab es im Vorjahr in Österreich (exklusive Personaldienstleister wie Pfleger), das war ein leichter Anstieg gegenüber 2013. Heuer könnten es im Gesamtjahr mehr werden, denn die Halbjahresdaten zeigen eine leichte Zunahmen: 15.264 Gründungen wurden von der Wirtschaftskammer registriert, 2014 waren es 15.018 in den ersten sechs Monaten gewesen.

Elisabeth Zehetner-Piewald weiß als Chefin des Gründerservice der Wirtschaftskammer, wo die Gründerinnen und Gründer der Schuh drückt. Im Interview mit techzoom spricht sie über die derzeitige Situation für Start-Ups.

Techzoom: Frau Zehetner, wie ist derzeit allgemein die Stimmung für Gründer in Österreich?

Elisabeth Zehetner-Piewald: Das Positive: Es gibt genug, die sich trauen. Der Trend sieht gut aus, es werden nicht weniger. Jene Gründer allerdings, die bereits einige Monate arbeiten, bekommen schon den Wind der Realität zu spüren, weil ja die konjunkturelle Lage derzeit schwierig ist. Zudem nimmt der Pessimismus im Land zu, angeheizt durch bestimmte politische Entscheidungen.

Gründer sind von konjunkturellen Schwankungen besonders betroffen?

So wie die Gesamtwirtschaft, aber sie werden in ihrer anfänglichen Euphorie halt rasch auf den Boden der Realität geholt.

Das Thema Gründer boomt: Es gibt Start-Up-Shows im Fernsehen, Gründen gilt als cool. Hat sich die Einstellung geändert?

Es gibt nach wie vor zu wenig Gründergeist in der Gesellschaft. Immer wieder hören Selbstständige, dass sie sich doch besser einen Job suchen sollten. Was aber gesellschaftlich passiert ist: Durch Social Media haben sich viele junge, coole Geschäftsfelder ergeben, etwa in der App-Entwicklung. Diese Szene hat sich gut positioniert und ist auch für Investoren interessant, weil man hier relativ gut Geld machen kann. Bei Start-Up-Shows im Fernsehen sieht man aber nur einen ganz kleinen Ausschnitt der Gründerszene. Dazu muss man sagen, dass Internet-Start-Ups nicht mehr Arbeitsplätze schaffen als beispielsweise ein Friseur oder ein Gastwirt – aber sie sind halt medial attraktiver und hipper. Sie machen aber nicht mehr als zwei Prozent der jährlich rund 30.000 Gründungen aus.

Ist es nicht auch ein Zeichen für die Situation am Arbeitsmarkt, dass viele Menschen nun den Weg in die Selbstständigkeit suchen oder sogar dazu gedrängt werden?

Die wichtigsten Motive für eine Gründung sind flexiblere Zeit- und Lebensgestaltung, der eigene Chef sein und Geld verdienen. Ungefähr 15 Prozent sagen: Weil ich nicht glaube, dass ich bessere Chancen am Arbeitsmarkt hätte. Aber das muss man relativ sehen: Wenn jemand zufrieden ist, wird der Arbeitsplatz nicht verlassen. Es muss schon etwas sein, sodass man das Risiko auf sich nimmt. Das könnte sein, dass man das große Geld machen will. Oder es denkt sich jemand: Jetzt war ich 40 Jahre angestellt, jetzt will ich etwas alleine machen.

Immer öfter wagen auch Menschen jenseits der 40 den Schritt in die Selbstständigkeit.

Ganz ehrlich: Selbst als Abteilungsleiter in einem Konzern haben sie immer noch jemanden über sich.

Kommt es vor, dass sich Menschen von coolen Start-Up-Beispielen blenden lassen?

Ja, sicher. Das sehen auch wir als unsere Aufgabe, Gründer auf Schwächen im Konzept hinzuweisen. Wir haben beispielsweise einen Mindestumsatzrechner. Da kommen viele, die das Hobby zum Beruf machen wollen, drauf, dass sie davon nicht leben könnten. Wir als Wirtschaftskammer wollen ja nachhaltig beständige Unternehmen.

Heute gibt es lineare Karrieren nicht mehr, auch der Wechsel zwischen Anstellung und Selbstständigkeit kommt öfter vor. Aber steuerlich ist das kompliziert.

Ja, das stimmt. Ganz gut funktioniert es bei ASVG und SVA. Bei der Beamtenversicherung wiederum geht es so gut wie gar nicht. Da müsste es sicher bessere Lösungen geben. Positiv ist, dass man die Ansprüche aus der Arbeitslosenversicherung mitnehmen kann.

Dazu kommt die oft diskutierte Problematik der Scheinselbstständigkeit.

Echte Scheinselbstständigkeit ist natürlich zu verurteilen, aber wir haben auch laufende Beschwerden von Mitgliedern, etwa wenn zwei EPU etwas direkt miteinander abwickeln und dann kommt die Gebietskrankenkasse und plötzlich wird einer zum Auftraggeber des anderen. Da verstehe ich die Gewerkschaft auch nicht.

Dennoch muss auch auf die Schattenseiten der Selbstständigkeit hingewiesen werden.

Ich würde sagen, dass der Anteil der Mitglieder, die nicht selbstständig sein wollen oder die Selbstständigkeit nur als vorübergehende Lösung sehen, bei rund zehn Prozent liegt.

Wobei liegt überhaupt die gleichbleibend hohe Attraktivität einer Anstellung unter den Österreichern?

Ich glaube, dass die Leute bei uns eher darin gestärkt werden, sich am unselbstständigen Jobmarkt zu orientieren? Was sollte ein Lehrer auch anderes sagen? Dabei ist die Sicherheit nicht höher, ich kenne Beispiele von Angestellten, die plötzlich nicht mehr benötigt wurden. Als Selbstständiger kann man zumindest aktiver gegensteuern als wenn bei einem großen Konzern Länderniederlassungen zugesperrt werden. Man ist weder vor Arbeitslosigkeit gefeit noch vor Auftragslosigkeit.

Wie sehen Sie die sozialrechtlichen Rahmenbedingungen in Österreich, speziell für EPU? Gerade die SVA-Beiträge sorgen immer wieder für Diskussionen.

Ein Großteil der SVA-Beiträge geht in die Pensionsversicherung. Wer nichts einzahlt, kann am Ende auch nichts rausbekommen. Es gibt halt Unternehmer, die jahrelang defizitär sind. Wenn ich draufkomme, dass mein unternehmerisches Konzept nicht funktioniert, muss ich Konsequenzen ziehen. Dann ist der Markt nicht da. Die Sozialversicherungsausgaben sind aber horrend, egal ob sie angestellt sind oder selbstständig sind. Es gibt sicher Verbesserungsbedarf, aber man muss auch sehen, dass man schon mit dem Mindestbeitrag versichert ist.

Stichwort Kreditklemme: Banken sind generell restriktiver geworden bei der Vergabe bei Krediten, was Gründer besonders hart trifft. Ist da eine Trendwende zu sehen?

Angesichts von Basel 4 kann ich mir das nicht vorstellen.

Alternative Finanzierungsformen sind aber in Österreich noch nicht von großer Bedeutung.

Das Crowdfunding zum Beispiel hat jetzt zumindest eine gesetzliche Grundlage bekommen. Es wird schon wachsen, aber es braucht halt Leute in der Bevölkerung, die bereit sind, ein Risiko einzugehen. Es fehlen in Österreich aber vor allem steuerliche Anreize für größere Privatinvestitionen, nach dem Motto: Bevor ich das Geld auf ein Sparbuch lege, wo ich nichts bekommen, investiere ich es lieber in junge Unternehmen. Damit würden auch regionale Projekte unterstütz werden können. Wir denken da beispielsweise an einen Beteiligungsfreibetrag, aber es gibt mehrere Modelle. Es geht darum, brachliegendes Geld von Privatinvestoren in die Wirtschaft zu bekommen.

Stichwort Crowdfunding: Da kommt es auf gutes Marketing an. Ist der Druck auf Gründer gestiegen, sich optimal zu vermarkten?

Ich denke schon. Ein Tischler wird heute eine gute Homepage brauchen, möglicherweise auch eine Webshop. Da gibt es von uns auch entsprechende Informations- und Beratungsangebote.

Apropos Beratung: Es ist ja geplant, dass in Zukunft Gründerservicestellen zur Eintragung ins Firmenbuch berechtigt sein sollen.

Es ist zumindest im Reformdialog der Regierung wieder erwähnt, dass die digitale Signatur einer Beglaubigung gleichgesetzt wird. Das wäre eine wichtige rechtliche Regelung, zudem muss die Notwendigkeit eines Notariatsakts hinterfragt werden. Wenn diese Voraussetzungen adaptiert werden, wäre das also möglich.

Ein wichtiges Thema für Gründer sind Förderungen. Es gibt nicht wenige, aber kaum jemand hat da den Durchblick.

Es gibt einen Förderguide, in dem alle Förderungen nach Bundesländern erfasst sind und es gibt auch Beratungen. Wenn man einfach nur Förderungen via Google sucht, ist das sicher zu wenig. Was stärker kommen wird, sind Haftungen. Aber es ist wichtig, sich einmal grundlegend beraten zu lassen, welche Förderungen es gibt und welche Möglichkeiten der Gründer hat.

Bild oben: Elisabeth Zehetner-Piewald, Bild beigestellt JW.

ANHANG: Übersicht über Neugründungen in Österreich im ersten Halbjahr 2015