Start-Up kiweno startet Gesundheits-Portal

Geschäftsidee: Tests sollen Nahrungsmittelunverträglichkeit erkennen - diese sind aber umstritten.

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Geschäftsidee: Tests sollen Nahrungsmittelunverträglichkeit erkennen - diese sind aber umstritten.

Binsenweisheit Nummer eins: Gesundheit ist einer jener "Trends", mit denen sich in den nächsten Jahren viel Geld verdienen lässt. Binsenweisheit Nummer zwei: Gesundheit in Kombination mit Informationstechnologie erhöht die Chancen nochmals. Insofern ist das österreichische Start-Up kiweno, das bis vor kurzem unter dem Namen "iamnuvi" aufgetreten war, schon mal in der richtigen Sparte unterwegs. Kiweno, gegründet von Bianca Gfrei (Master in "International Business" und davor u.a. bei Austrian Startups tätig), bietet Tests auf Nahrungsmittelunverträglichkeit an, die im Gegensatz zu bereits verfügbaren Angeboten dieser Art über das Internet bestellt werden. Wie es sich für kluge Jungunternehmen aber gehört, wird eine ganze Gesundheits-Plattform rund um diese Tests aufgebaut.

Konkret wird das kiwano-Portal am 23. Juni offiziell online gehen. Heute, Mittwoch, wurde bei einer Pressekonferenz in Wien der Startschuss dafür gegeben und es wurden zwei der Investoren vorgestellt: Rudi Semrad, ehemaliger Chef der Swatch-Gruppe in Österreich, und Hansi Hansmann, als Business Angel hierzulande recht bekannt, konnten sich für die Geschäftsidee begeistern. Diese sieht vor, dass man den Test daheim über die Homepage von kiweno bestellt oder in Apotheken bzw. bei Ärzten ordert. Dann muss man sich selbst mit einem Stich in die Fingerkuppe etwas Blut abnehmen und an kiweno senden. Ausgewertet wird die Blutprobe dann in einem großen Labor in Deutschland. Dort wird auf die Unverträglichkeit von 70 Nahrungsmitteln getestet. Laut dem Unternehmen erfolgt diese Auswertung "nach dem standardisierten ELISA-Testverfahren, bei dem durch den Körper produzierte Abwehrkörper gegenüber den getesteten Nahrungsmitteln analysiert werden". Es wird also untersucht, ob Antikörper gegen bestimmte Lebensmittel produziert werden.

Kritik an solchen Tests gab es in den vergangenen Jahren allerdings einige, vor allem in deutschen und Schweizer Medien sowie von Medizinern. Die Vorbehalte: Ein Test auf Antikörper sei wenig aussagekräftig, jeder Mensch bilde solche Antikörper. Speziell Ärzte warnen davor, voreilige Schlüsse aus Testergebnissen zu ziehen. Nahrungsmittelunverträglichkeit erfordere eingehende Beschäftigung. Von der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und klinische Immunologie gibt es sogar eine scharfe Stellungnahme gegen Tests dieser Art (hier als pdf) - diese bezieht sich aber natürlich nicht auf den kiweno-Test, sondern allgemein gegen Untersuchungen auf Nahrungsmittelunverträglichkeit. Bei dem von kiweno angewendeten Testverfahren handelt es sich um "NutriScreen", eine schon seit längerem eingesetzte Methode - Labors, die diesen Test einsetzen, weisen selbst auf die Vor- und Nachteile hin. So heißt es beispielsweise, der "NutriScreen-Test stellt nicht fest, ob Nahrungsmittel, gegen die Antikörper nachgewiesen wurden, verantwortlich sind für die vorliegenden Symptome".

Auf diese Kritik reagiert Roland Fuschelberger, Internist und medizinischer Leiter des Start-Ups, gegenüber techzoom mit Hinweisen, dass "sich dies nur auf einzelne Studien bezieht, die nicht aussagekräftig waren". Man würde ohnehin nicht behaupten, dass man gravierende gesundheitliche Probleme nur mit einem Test klären könnte. "Aber wenn jemand Migräne bekommt und der Test weist auf bestimmte Nahrungsmittel hin, könnte er ja mal probieren, ob ein Weglassen dieser Lebensmittel hilft." Wichtig sei ganzheitliche Vorsorge und dass die Menschen "von sich aus aktiv werden, nicht nur konsumieren."

Das Start-Up hat jedenfalls schon für einiges Aufsehen gesorgt, nicht zuletzt dank geschickter PR-Arbeit und eines vielbeachteten Auftritts beim Pioneers-Festival. Die Möglichkeit, rasch und einfach einen vergleichsweise günstigen Test durchführen zu lassen, scheint sehr überzeugend; der Aufbau eines ganzen "Gesundheitsportals" drumherum ebenfalls. Die Geschäftsidee ist also spannend, was auch das Interesse der Investoren erklärt. Doch im Gegensatz zu den überwiegend euphorischen Berichten in der Technik-Presse bleibt abzuwarten, wie Gesundheitsexperten die Aussagekraft solcher Tests bewerten.

Nachtrag vom 29. Juni:

Der ärztliche Leiter von kiweno, Roland Fuschelberger, hat auf unseren Artikel erneut reagiert, vor allem auf die Kritik von Allergologen: "Was heute als nicht wissenschaftlich gilt, kann morgen schon der Goldstandard sein." Wissenschaftliche Erkenntnisse seien "im Fluss". In diesem Licht sei auch die Leitlinie der Allergologen aus dem Jahr 2009 zu sehen. "Ungeachtet der ablehnenden Halten der Allergologen gegenüber der klinischen Bedeutung von IgG- bzw IgG4-Nahrungsmitteltests wächst aufgrund von überzeugenden Resultaten mit Patienten die Akzeptanz zunehmend", meint Fuschelberger. Er weist auf Studien hin, die das beweisen würden. Generell sieht er Kritik an den kiweno-Methoden als "systemimmanent" und meint: " Dass sich Dinge nach Jahren oft anders darstellen sieht man unter anderem am Beispiel der Akupunktur, die vor 20 Jahren auch ausgegrenzt und verteufelt wurde, heute aber sogar in Krankenhäusern offiziell angewendet wird."

Ob es nicht dennoch besser sei, mögliche Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei einem Facharzt zu klären, haben wir Herrn Fuschelberger gefragt. Seine Antwort: "Eine vorherige Abklärung bei Beschwerden ist unbedingt nötig und wir weisen auch darauf hin." Es sei seitens kiweno auch geplant, mit "für die Tests offenen" Ärzte zu kooperieren. Von den unter anderem in einem "Spiegel"-Artikel beschriebenen Heimtests rate auch kiweno ab.