„Avantgarde der Verlagswelt“: kladde schlägt neue Seiten auf

Jonas Al-Nemri hat einen Buchverlag gegründet, der auf Crowdfunding setzt.

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Jonas Al-Nemri hat einen Buchverlag gegründet, der auf Crowdfunding setzt.

Print ist tot – mindestens. Das wollen uns Medienhäuser, Medienfachleute und Digital-Experten seit Jahren einreden. Ein Panoramablick in Trafiken, Buchläden und Kiosks sagt zwar etwas ganz Anderes, aber dennoch sind Gründungen im Bereich Verlagswesen, die sich dezidiert mit Gedrucktem beschäftigen, eher rar geworden.

Eine rühmliche Ausnahme ist da der „kladde buchverlag“ mit Sitz im deutschen Freiburg – und der hat ein sehr ungewöhnliches Konzept: Gedruckt wird nur das, was bei (potenziellen) Lesern Anklang findet. Es werden also mögliche Buchprojekte vorgestellt, von Lesern beurteilt und (hoffentlich) über Crowdfunding finanziert. Dann werden die gedruckten Werke über ausgewählte Buchhandlungen vertrieben.

Mit „Publishing On Demand“, wie das auch große Buchverlage bisweilen schon machen, hat das aber nichts zu tun. Denn im Fokus steht das „reine Buch“, wie es bei kladde heißt: Das bedeutet, das gedruckte Wort steht im Vordergrund, nicht designtechnischer Schnickschnack. Das Papier ist dicker als man dies gewohnt ist, produziert wird nach Angaben des Verlags nachhaltig.

Aus Österreich gibt es großes Interesse, heißt es beim Verlag. Das liegt unter anderem an dem bisher größten Projekt, das bei kladde umgesetzt wurde: Der Facebook-Roman Zwirbler, der im Dezember fertiggestellt wurde, ist „made in Austria“. Bisher wurden von kladde zwölf Crowdfunding-Projekte abgeschlossen, davon haben sechs das angepeilte Finanzierungsziel erreicht – kein schlechter Schnitt. Umgesetzt wurden neben dem Zwirbler unter anderem die Bücher „Berlin – Geschichte in Geschichten“ von Ulrich Pätzold und „Wilde Lilien“ von Stephanie Kovacs. Auf der Frankfurter Buchmesse im Oktober war kladde bereits mit einem Stand vertreten – auch das dortige Auftreten wurde stilgerecht via Crowdfunding finanziert.

Gründer Jonas Al-Nemri sagt im Gespräch mit techzoom, was er sich eigentlich dabei gedacht hat, einen Buchverlag zu gründen:

Was war die grundlegende Motivation für die Gründung des Buchverlags?

Jonas Al-Nemri: Wir kamen aus den verschiedensten Bereichen und mit den verschiedensten Perspektiven auf den Buchmarkt zusammen: Vereint hat uns dabei der Wunsch nach Veränderung. Wir wollten und wollen zeigen, dass es möglich ist, leserorientiert und mit unternehmerischer Verantwortung den Literaturbetrieb zu gestalten.

Heutzutage ausgerechnet einen Verlag zu gründen, das klingt aber nahezu selbstmörderisch.

Wir haben 2013 gegründet, wobei wir uns nach wie vor im Gründungsprozess befinden. Selbstmörderisch ist es auf keinen Fall. Ein Verlagsgründung mag naiv wirken oder hoffnungslos optimistisch - aber die Buchbranche ist nach wie vor eine der stärksten und spannendsten Branchen in der Kulturwirtschaft und sie braucht neue Ideen und die Jungen, Wilden, Mutigen, die diese Ideen versuchen in die Tat umzusetzen. Wir sind nach wie vor überzeugt, dass wir - als eine Art Avantgarde der Verlagswelt - einen richtigen und wichtigen Weg eingeschlagen haben.

Wie ist die Resonanz bisher?

Großartig. Wir haben innerhalb von sechs Monaten ohne Fremdkapital sechs Crowdpublishing-Kampagnen erfolgreich beendet. Daraus konnten fünf Novitäten entstehen und wir unsere Präsenz auf der Buchmesse sichern.

Apropos Crowdpublishing: Sind Literaturprojekte nicht besonders erklärungsbedürftig?

Ich denke, vor allem Literatur eignet sich hervorragend für Crowdfunding. Das Mäzenatentum und die Subskription - also die Wurzeln des Crowdfinancing - stammen ja aus dem Literaturbetrieb.

Was ist das langfristige Ziel, wo wollt Ihr in zwei bis drei Jahren stehen?

Wir arbeiten weiter daran, die Marke „kladde“ als Symbol für eine faire, leserorientierte und nachhaltige Buchproduktion zu etablieren und gleichzeitig das Bedürfnis nach guten Texten und hochwertiger Gestaltung zu stillen.

Hochwertig ist das richtige Stichwort: Seid Ihr bei der Auswahl der Projekte streng? Welche Kriterien habt Ihr bei der Auswahl?

Wir wollen die Leserschaft - also die Crowd - an der Auswahl der Titel beteiligen, daher können wir die Kampagnen breiter und vielfältiger aufstellen, wir fokussieren auch kein konkretes Programm, sondern wollen Titel aller Genres anbieten. Bei den vielen Manuskripteinreichungen müssen wir jedoch eine Vorauswahl treffen, hier zählt für uns natürlich die Qualität des Textes, aber auch die Originalität.